Gefährlicher Einsatz


 













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Vor sieben Jahren kam der Mann von Rose Gomez bei einem riskanten Einsatz seiner Navy-SEAL-Einheit ums Leben. Nun bittet ein ehemaliger Teamgefährte sie um Hilfe. Roderic »Rock« Basilone ist auf der Suche nach zwei in Afghanistan vermissten amerikanischen Agentinnen. Rose willigt ein, ihm mit ihrem Wissen über das Land zur Seite zu stehen. Dabei entwickelt sie schon bald tiefere Gefühle für den schweigsamen SEAL. Aber kann sie sich erneut in einen Mann verlieben, der einen solch gefährlichen Job hat? Doch schon bald erhöht sich der Einsatz, denn die Spur der Agentinnen führt direkt in die Festung eines berüchtigten Warlords.


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Prolog

Afghanistan, Juli

Die gedämpften Schritte des Verfolgers kamen näher. Wer auch immer hinter ihnen her war, schien in ausgezeichneter Verfassung zu sein. Einige Minuten zuvor hatten sie die beunruhigende Nachricht erhalten, dass ihre Tarnung aufgeflogen war. Es war sicherer gewesen, sofort aufzubrechen – hatte Kyla zumindest gedacht. Durch die von der Regierung in dieser Region auferlegte Ausgangssperre war es sehr gefährlich, nach Einbruch der Dunkelheit auf der Straße zu sein. Sollten sie und ihre Kollegin Jade entdeckt werden, würden sie im Gefängnis landen – oder Schlimmeres. Die meisten der hier lebenden Menschen mochten keine Fremden, erst recht keine westlichen Frauen. Deshalb waren sie nun auf der Flucht, ohne ein Fahrzeug oder eine Idee, wohin sie gehen sollten. Natürlich hatten sie einen Notfallplan, aber zuerst mussten sie ein gutes Stück zwischen sich und ihre Unterkunft legen und den Verfolger loswerden. Leichter gesagt als getan. Tief im Schatten der beiderseits der Straße über ihnen aufragenden Gebäude versuchten sie, ihn abzuschütteln. Sollten sie von dem Verfolger gefangen genommen werden, der sicher zu der von ihnen ausgekundschafteten Terrorgruppe gehörte, waren sie so gut wie tot.
    Wer hatte den wahren Grund ihres Hierseins verraten? Eigentlich sollten sie keinen Verdacht erregt haben, nicht umsonst hatten sie monatelang für die Undercover-Mission trainiert. Sie hatten alle zu hart daran gearbeitet, die Einheit auszubilden, es durfte nicht scheitern. Wenn es Jade und ihr jetzt gelang, unentdeckt das Land zu verlassen, würde es noch ein Erfolg werden. Doch gerade das schien ihr Verfolger verhindern zu wollen.
    Der Schleier über Kylas Kopf und vor ihrem Gesicht dämpfte die Geräusche um sie herum und verstärkte gleichzeitig ihr eigenes Keuchen. Bevor sie nach Afghanistan gekommen war, war sie in der besten Form ihres Lebens gewesen, doch jetzt, nach mehreren Wochen ohne regelmäßiges Training, protestierten ihre Muskeln gegen die ausdauernde Bewegung. Schweiß lief ihren Rücken hinunter und verschwand im Bund der Tarnhose, die sie unter der Burka trug. Sowie sie aus der Stadt heraus waren und in die unwirtliche Natur eintauchten, konnten sie die Gewänder ausziehen. Doch solange noch die Möglichkeit bestand, dass sie anderen Menschen begegneten oder sogar verhaftet wurden, war es zu gefährlich.
Kyla hatte Berichte über Frauen gehört, die verstümmelt oder umgebracht worden waren, nur weil ein kleines Stückchen Haut zu sehen gewesen war. Theoretisch war das unter dem neuen Regime verboten, aber hier, mitten in einer Krisenzone, herrschte nicht das Gesetz, sondern die Macht der Stärkeren, und das waren eindeutig die Rebellengruppen.
    Gerade deshalb waren sie hierhergekommen und nicht in eine der »sicheren« Städte gegangen. Während andernorts die Aufbauarbeiten vorangingen, lag in dieser Gegend immer noch alles in Trümmern. Obwohl die meisten Häuser unbewohnbar waren, lebten hier Menschen. Ganze Familien, Großeltern, Eltern, Onkel, Tanten und Kinder. So viele Kinder. Wie konnten sie es aushalten, so zu leben? Es gab nichts, manchmal noch nicht einmal das Lebensnotwendigste wie Wasser und Grundnahrungsmittel. Natürlich waren auch hier die Hilfsorganisationen gegenwärtig, aber sie hatten es schwer, sich gegen den Druck der Rebellen und das Misstrauen der Leute durchzusetzen. Vor allem kam die Hilfe auch nur zögerlich – wenn überhaupt – bei der Bevölkerung an. Ein Großteil versickerte wie in jeder Krisenzone in anderen Kanälen.
    Aber das war nicht Kylas Problem. Sie waren einzig dafür zuständig, Informationen zu sammeln, auszuwerten und weiterzuleiten. Und das hatten sie getan, zumindest bis die Nachricht über ihre Entdeckung sie aus ihrem Versteck gezwungen hatte.
    Geduckt liefen sie im Schatten der Ruinen immer weiter, wobei sie sich weitgehend an die Hauptstraße hielten. Nicht auszudenken, wenn sie plötzlich in einer Sackgasse gefangen wären. Jedes Mal wenn sie einem weiteren Schuttberg ausweichen mussten, der vor ihnen auftauchte, verloren sie ein wenig von ihrem Vorsprung. Es war klar, dass sie ihrem Verfolger nicht davonlaufen konnten, sie würden kämpfen müssen.
Genervt schob Kyla den Schleier von ihrem Kopf, um wenigstens etwas von ihrer Umgebung erkennen zu können. Nachdem die dämpfende Schicht verschwunden war, hörte sie die Schritte hinter ihnen viel lauter. Ihre Finger schlossen sich fester um die Pistole. Wie leicht wäre es, sich einfach umzudrehen und  zu schießen, doch das würde sie nur im äußersten Notfall tun, da sie keinen Schalldämpfer dabeihatte. Dunkel ragte ein halb eingestürztes Gebäude vor ihnen auf. Der Eingang war ein gähnendes Loch, die herausgebrochenen Lehmziegel waren zur Seite geschoben worden. Perfekt.
    Mit knappen Handzeichen signalisierte sie ihrer Partnerin Jade, was sie vorhatte, dann tauchten sie nacheinander lautlos in die Dunkelheit des zerstörten Hauses. So leise wie möglich suchten sie sich ihren Weg durch die Ruine, während sie gleichzeitig auf die Schritte ihres Verfolgers lauschten. Es war unwahrscheinlich, dass er nicht erkannte, wohin sie geflohen waren, deshalb atmete sie nur tief durch, als sie hinter sich das verräterische Schaben von Schuhsohlen auf losen Steinen hörte. Es sollte nicht schwierig sein, ihn auszuschalten, dafür waren sie ausgebildet worden. Trotzdem zog sie es vor, ihre Arbeit zu machen, ohne dass überhaupt jemand ihre Anwesenheit bemerkte.
    Lautlos schlüpften sie durch einen intakten Türrahmen, in dem die Tür fehlte, und stellten sich zu beiden Seiten mit dem Rücken gegen die Wand auf. Die Schritte ihres Verfolgers klangen jetzt zögernder, er schien sich nicht sicher zu sein, wo sie waren. Sie könnten versuchen, ungesehen an ihm vorbeizukommen, und sich wieder auf den Weg machen, doch es war besser, wenn sie sicherstellten, dass er ihnen nicht folgen konnte.
    Kyla gab ihrer Partnerin ein Zeichen, bevor sie gegen einen Stein trat, der polternd über den Boden rollte. Draußen entstand ein kleiner Moment der Stille, dann setzten die Schritte wieder ein, leiser als zuvor. Als der Lauf einer mit Schalldämpfer ausgestatteten Waffe in der Türfüllung erschien, trat sie zu. Wie geplant flog die Pistole durch das Zimmer und landete in der hintersten Ecke des Raums, während der Mann mit einem unterdrückten Schmerzenslaut zu ihr herumfuhr. Deutlich konnte sie seine Wut spüren und erwartete in Verteidigungshaltung seinen Angriff, der jedoch nie kam. Er hatte vergessen, seinen Rücken zu decken, was Jade sofort ausnutzte. Lautlos brach er wenige Sekunden später zusammen. Gemeinsam schleppten sie ihn in eine Ecke des Zimmers und durchsuchten ihn nach nützlichen Dingen. Eilig steckte Kyla einige Geldscheine ein und wischte sich dann angewidert die Finger an ihrer Burka ab.
Ihr Verfolger war nicht gerade von der sauberen Sorte. Bis auf die Pistole und das Geld hatte er nichts bei sich, was sie auf ihrer Flucht gebrauchen konnten.
    Nachdem sie sichergestellt hatten, dass sich niemand anders in der Nähe befand, verließen sie die Ruine. Im Schatten der Gebäude waren sie in der Dunkelheit nur zu erkennen, wenn ein Mondstrahl sie traf. Sofern es hier früher Straßenlampen gegeben hatte, existierten sie schon lange nicht mehr. Allerdings bezweifelte Kyla, dass sich die arme Stadt im Osten Afghanistans jemals diesen Luxus hatte leisten können. Solange es ihre Flucht begünstigte, hatte sie nichts dagegen. Die profillosen Sohlen ihrer Schuhe hinterließen keine erkennbaren Spuren im Sand, der schon lange den aufgerissenen Straßenbelag bedeckte. Sollte jemand versuchen, ihrer Fährte zu folgen, würde er scheitern. Ein Hochgefühl löste langsam die Angst ab, die sich nach dem Erhalt der Nachricht in Kyla ausgebreitet hatte. Nur noch wenige hundert Meter, und sie konnten in eine Nebenstraße eintauchen, die sie gleich zu Beginn ihrer Mission als mögliche Fluchtroute ausgekundschaftet hatten. Von dort aus würde es ihnen sicher gelingen, zu dem alten Wagen zu gelangen, den sie außerhalb der Stadt versteckt hatten. Und spätestens morgen Abend saßen sie dann bereits in einem Flugzeug, das sie zurück in die Vereinigten Staaten bringen würde.
    Der Schlag kam völlig unerwartet. Eben noch war Kyla in Gedanken bereits zu Hause, im nächsten Moment traf sie etwas im Rücken, und sie wurde unversehens wieder in die gefährliche Realität versetzt. Einen kurzen Augenblick lang fühlte sie gar nichts, dann setzte der Schmerz ein. Wie ein reißendes Tier wühlte er in ihrem Körper, setzte ihn in Flammen. Ein lautes Keuchen entfuhr ihr. Sofort war ihre Partnerin bei ihr und zog sie mit sich in den tieferen Schatten eines Hauses. Erneut wurden Schritte hinter ihnen lauter, anscheinend war ihr Verfolger nicht allein gewesen.
    »Was ist passiert?« Jades Stimme war ein fast tonloses Flüstern, das nur bis zu ihrem Ohr drang.
    »Schmerzen.«
    »Wo?«
    »Unter … der rechten Schulter.« Inzwischen brannte nicht nur die Wunde. Sie konnte gerade noch ein Stöhnen unterdrücken, als sanfte Finger nach der Verletzung tasteten. Ein leiser Fluch erklang hinter ihr.
    »Eine Schusswunde, die Kugel ist glatt durchgegangen. Kannst du laufen?«
    »Keine andere Wahl.« Die Zähne fest zusammengebissen bewegte Kyla ihre Arme. Sie konnte laufen, aber es würde höllisch wehtun. Und sie würde nicht lange durchhalten. Vermutlich nicht einmal die wenigen hundert Meter bis zu der Nebenstraße, die ihre Flucht ermöglichen sollte. Aber das konnte sie ihrer Partnerin nicht sagen, denn es war klar, dass Jade sonst bei ihr bleiben würde. Langsam setzte Kyla sich in Bewegung, versuchte, einen Laufrhythmus zu finden, der weniger schmerzte, doch es gelang ihr nicht. Jeder Schritt war die reinste Qual. Schließlich gab sie auf.
    »Lauf weiter, bring dich und die Informationen in Sicherheit. Ich werde mich hier verstecken.«
    »Auf keinen …«
    »Wir dürfen nicht beide in deren Hände fallen, einer von uns muss Bericht erstatten.«
    Auch wenn sie ihre Partnerin nicht allein lassen wollte, erkannte Jade wohl, dass sie recht hatte. »Ich werde Hilfe holen.«
    »Ich komme zurecht. Sorg dafür, dass unsere Arbeit hier nicht umsonst war.«
    »Das werde ich. Nachdem ich den elenden Kerl von dir weggelockt habe.« Ein letzter Händedruck, dann verschwand Jade in der Dunkelheit.



1

San Diego, Kalifornien, ein Tag später

Die Pfütze vor ihr hatte ungefähr die Ausmaße des Freibads von San Diego. Rose Gomez verzog das Gesicht. Sofern sie nicht ihr Schwimmabzeichen nachholen wollte, musste sie einen Umweg über mindestens drei Häuserblocks nehmen. Gut, das war vermutlich übertrieben, aber von dort, wo sie stand, sah es so aus. Sie hatte abgewartet, bis das Sommergewitter weitergezogen war, bevor sie aus ihrem Büro in der Universität aufbrach. Da ihr Haus nicht weit entfernt lag, ging sie meistens zu Fuß, außer wenn sie Besorgungen machen musste oder bei extrem schlechtem Wetter. Was in Südkalifornien nicht besonders häufig vorkam. Darum hatte das Gewitter sie kalt erwischt, sie hatte weder einen Schirm noch eine Jacke dabei, und ihr weißes T-Shirt hätte in nassem Zustand nicht mehr allzu viel verhüllt. Also war sie länger im Büro geblieben und hatte auf eine Regenpause gewartet, was nicht schwierig gewesen war, schließlich hatte sie immer genug Arbeit auf ihrem Schreibtisch liegen.
    Kopfschüttelnd blickte sie sich um. Da kein Floß aus heiterem Himmel auftauchen würde, sollte sie sich langsam auf den Weg machen, denn die Pfütze würde vermutlich auch morgen noch an genau dieser Stelle sein. Sie rückte ihre Tasche zurecht und marschierte los. Tief in ihre Gedanken versunken bemerkte sie nicht, dass sich von hinten ein Auto näherte. Den Kopf gesenkt, den Riemen ihrer Tasche fest im Griff, dachte sie nur daran, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ein gewaltiger Schwall schmutziges Wasser ergoss sich über sie. Erschrocken schnappte Rose nach Luft, als die kalte Brühe ihre nackte Haut traf und in Sekundenschnelle durch T-Shirt und Rock sickerte. Unwillkürlich sprang sie zurück, aber es war schon zu spät. Zitternd und tropfend stand sie auf dem Bürgersteig und sah dem Jeep nach, der sich rasch entfernte. Sie öffnete den Mund, um ihm einige nicht ganz jugendfreie Flüche hinterherzuschicken, als unvermittelt die Bremslichter aufleuchteten und der Wagen mit quietschenden Bremsen anhielt. Anscheinend hatte der Fahrer doch noch gemerkt, was er angerichtet hatte.
    Rose blickte an sich herunter und verzog den Mund. Sie war völlig nass, bräunliche Flecken zierten ihre Kleidung, und zu allem Überfluss hatten sich einige Haarsträhnen aus ihrem Zopf gelöst und ringelten sich um ihr Gesicht. Wahrscheinlich sah sie aus wie das Monster aus dem See. Rose hob das Kinn. Das war alles nur die Schuld dieses Idioten. Deshalb war eine Entschuldigung sehr angebracht. Die Hände in die Hüften gestemmt beobachtete sie, wie der Jeep am Straßenrand anhielt und der Fahrer – der offenbar durchaus schlau war – auf der Beifahrerseite ausstieg, um sich die nassen Füße zu ersparen. Ungeduldig blickte Rose ihm entgegen. Natürlich war es einer von diesen großen Typen, die mehr Muskeln als Verstand besaßen, wer sollte auch sonst eine so riesige Pfütze übersehen und achtlos hindurchfahren. Als er näher kam, sah Rose in sein Gesicht und erstarrte.

Verdammt, genau das hatte ihm noch gefehlt. Wie spät war es eigentlich? Mit müden Augen blinzelte Roderic Basilone, von allen nur Rock genannt, gegen die Sonne. Er war seit über sechsunddreißig Stunden auf den Beinen. Früher war das kein Problem gewesen, aber inzwischen machte sich sein fortgeschrittenes Alter doch bemerkbar. Normalerweise war fünfundvierzig nicht wirklich alt, aber in seinem Beruf als Navy SEAL hatte er allmählich die Schallmauer erreicht. Er konnte zwar immer noch mit den anderen mithalten, und seine Erfahrung übertraf die der jüngeren Kollegen bei Weitem, aber er erholte sich nicht mehr so schnell von den Strapazen in Einsatz und Training. Heute fühlte er sich besonders alt und verbraucht. Gerade als sie von einer vierundzwanzigstündigen Trainingsoperation auf die SEAL-Basis in Coronado zurückgekehrt waren, hatten sie die Nachricht erhalten, dass zwei der TURT/LE-Agentinnen in Afghanistan auf einer Erkundungsmission verschollen und höchstwahrscheinlich von Extremisten gefangen genommen oder getötet worden waren.
    TURT/LE stand für Terrorism Undercover Reconnaissance Team/Ladies Elite und war ein relativ neues Projekt der USRegierung zur Terrorismusbekämpfung. Eigentlich hieß es nur TURT, da es sowohl Männer als auch Frauen in diesem Team gab, doch es hatte sich sehr schnell die Untergruppe Ladies Elite gebildet, in der die besten Frauen aus allen Zweigen des Militärs, von FBI, NSA, CIA und weiteren Regierungsdiensten zusammengefasst waren. Auf den Missionen sendeten die Teams zu bestimmten Zeitpunkten Signale, die zeigten, dass sie noch im Spiel waren. Die beiden jetzt verschwundenen TURT/LEs hatten drei Termine verstreichen lassen, ohne das vereinbarte Zeichen zu geben. Es konnte passieren, dass jemand für einige Zeit verhindert war, aber dreimal hintereinander war bisher noch nie vorgekommen. Ein Kontaktmann war aus Kabul ausgesandt worden, um den letzten bekannten Aufenthaltsort der Agentinnen zu überprüfen, aber bisher hatte auch er sich noch nicht wieder gemeldet. Ein weiteres schlechtes Zeichen.
    Mit langen Schritten strebte Rock auf die Person zu, die er in seiner Unaufmerksamkeit von oben bis unten nass gespritzt hatte. Es war eindeutig eine Frau, denn mit dem durchsichtigen weißen T-Shirt hätte sie ohne Weiteres an einem Miss-Wet-T-Shirt-Wettbewerb teilnehmen können. Sofort meldete sich sein schlechtes Gewissen. Erst ertränkte er sie fast, und dann beglotzte er auch noch ihre unübersehbaren Rundungen. Abrupt hob er den Blick zu ihrem Gesicht. Schmutzige Streifen zierten die braune Haut, ein verwelktes Blütenblatt klebte an
ihrer Wange. Schwarze Korkenzieherlocken hingen wirr in ihre Augen. Dunkle Augen, die ihm entgegenblickten, als wäre er der Teufel persönlich. Stocksteif stand sie da, sie schien völlig erstarrt zu sein. Sorge breitete sich in ihm aus.
    »Es tut mir leid, Ma’am, ich habe Sie überhaupt nicht gesehen. Geht es Ihnen gut?«
    Keine Reaktion. Beunruhigt trat er näher an sie heran. Sie zitterte, ihre Hände waren zu Fäusten geballt. Rock hob eine Hand, um ihre Schulter zu berühren. »Ma’am, hören Sie mich? Sie …« Plötzlich kehrte Leben in die Frau zurück, und sie trat hastig einen Schritt zurück. Scheinbar hatte sie wirklich Angst vor ihm. Rock blieb stehen und hob beruhigend die Hände. »Alles okay, ich tue …« Er brach ab, als er sie erkannte. Fassungslos öffnete er seinen Mund, aber kein Ton drang heraus. Schließlich räusperte er sich und löste sich damit aus seiner Starre. »Rose?«
    Ihre Augen trafen seine, der Schmerz darin war offensichtlich. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Hallo Roderic.«
    Rock zuckte zusammen, als sie seinen vollen Namen benutzte. Sie hatte ihn schon immer so genannt, auch damals, als ihr Mann Ramon Gomez – von allen im Team nur Ghost genannt – mit ihm in SEAL Team 11 gedient hatte. Sie waren keine engen Freunde gewesen, da Ghost seine Freizeit meist mit seiner Frau verbracht hatte, aber sie hatten sich gemocht, respektiert und wären füreinander
gestorben. Rock verzog den Mund. Ghost war getötet worden, als er ihnen bei einer Geiselbefreiung in Costa Rica den Rücken freigehalten hatte. Seit Ghosts Beerdigung hatte er Rose nur noch ein paarmal gesehen und in den letzten Jahren
überhaupt nicht mehr. Darum war er umso überraschter, dass sie jetzt plötzlich vor ihm stand. Nass, kalt und unglücklich. Verdammt, was stand er hier noch herum und starrte sie an, anstatt irgendetwas zu tun, um ihr die Situation angenehmer zu machen. Schließlich war es sein Organisationstalent, für das er als Senior Chief des Teams bekannt war. Er sorgte dafür, dass alles reibungslos lief und alles Benötigte vorhanden war, und er hatte auch die zweifelhafte Ehre, zwischen Offizieren und Nichtoffizieren zu vermitteln.
    »Es tut mir leid, ich war in Gedanken und habe dich überhaupt nicht gesehen. Ich hole dir ein Handtuch aus dem Wagen.«

Damit strebte er mit langen Schritten auf seinen Jeep zu und ließ Rose keine Möglichkeit, seine Hilfe abzulehnen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte sie ihm hinterher. Es war ein Schock gewesen, ihn wiederzusehen, nachdem sie es geschafft hatte, sechs Jahre lang allen aus dem Weg zu gehen, die sie an Ramon erinnert und den Schmerz wieder heraufbeschworen hätten. Es hatte ihr gutgetan, sich auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren und alles andere hinter sich zu lassen. Bis vor wenigen Minuten hatte sie sogar gedacht, die Wunde wäre inzwischen verheilt. Aber ein Blick in Roderics düsteres Gesicht, seine stahlgrauen Augen unter den kräftigen Augenbrauen, hatte gereicht, alle Narben wieder aufzureißen und sie sieben Jahre in der Zeit zurückzukatapultieren, zu der Wut und dem Schmerz über Ramons unnützen Tod.
    Als sie ihn damals heiratete, hatte sie gewusst, worauf sie sich einließ, aber immer gehofft, dass ihm nichts passieren und er stets zu ihr zurückkehren würde. Aber das war nicht geschehen. Stattdessen hatte sie ihn auf dem Arlington National Cemetery nahe der Hauptstadt Washington mit militärischen Ehren beisetzen lassen. Das war sie ihm schuldig gewesen. Er hatte dafür gelebt, einen Unterschied zu machen, sein Land und seine Landsleute zu beschützen – und er war dafür gestorben.
    Sie schüttelte die schmerzlichen Erinnerungen ab und beobachtete, wie Roderic wieder auf sie zukam. In einer Hand hielt er ein kleines Handtuch, in der anderen eine Lederjacke, die eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte.
    »Das Handtuch ist nicht ganz frisch, aber ein anderes habe ich nicht dabei. Vielleicht reicht es, um deine Kleidung ein wenig zu trocknen.« Widerwillig nahm Rose das Handtuch und beäugte es skeptisch. »Ich habe nur meine Haare damit abgetrocknet, nicht dass du denkst …«
    Doch, sie hatte es gedacht, aber das würde sie nicht zugeben. Energisch rieb sie über ihre nassen Arme und Beine, bevor sie ihre triefende Kleidung damit auswrang. Sie war zwar immer noch nass, aber wenigstens tropfte sie nicht mehr. Ohne aufzusehen gab sie Roderic das Handtuch zurück. »Danke.«
    »Bitte.«
    Rose blickte erschrocken auf, als seine Stimme plötzlich neben ihr erklang. Während sie sich abgetrocknet hatte, war er näher gekommen, bis er so dicht vor ihr stand, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm überhaupt ins Gesicht sehen zu können. Kein Wunder, sie war unter ein Meter sechzig, und er war sicher fast dreißig Zentimeter größer. In seiner Gegenwart kam sie sich vor wie ein Kind. Sie schob ihr Kinn vor, um sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Ihre Tasche fest im Griff, verschränkte sie die Arme wieder über der Brust. Es war einfach ungerecht, dass er so selbstsicher, gleichmütig und vor allem trocken herummarschieren konnte, während sie das genaue Gegenteil war. Normalerweise hatte sie immer alles unter Kontrolle und war ruhig und ausgeglichen, aber heute fühlte sie sich unsicher. Sie warf einen bösen Blick auf den Jeep. Ohne dieses Malheur mit der Pfütze wäre sie nach Hause gegangen, hätte etwas Leckeres gekocht und sich einen ruhigen Abend gegönnt. Jetzt war das alles verdorben. Und schuld war nur dieser riesige, finstere SEAL. Was tat er da eigentlich hinter ihr?

Rock legte seine alte, abgewetzte Lederjacke über ihre schmalen Schultern und spürte, wie Rose zusammenzuckte. Verdammt, er war noch nie besonders geschickt im Umgang mit Frauen gewesen, aber bei ihr fühlte er sich doppelt unsicher. Sie war nicht nur eine winzige Person, sondern auch noch die Witwe eines ehemaligen Kameraden. Also ließ er seine Jacke rasch los und trat wieder vor sie. Als er sah, wie sie das Leder skeptisch beäugte, fühlte er sich genötigt, sich zu rechtfertigen. »Sie ist nicht mehr besonders schön und riecht vermutlich auch nicht so gut, aber ich dachte, es ist besser, wenn du etwas hast, das dich warm hält, bis du zu Hause ankommst.« Und allen den Blick auf ihre Rundungen versperrte, ihn eingeschlossen.
    Rose sah ihn überrascht an. »Danke, das ist nett. Ich hatte nur Bedenken, dass ich sie mit dem Wasser verderbe.«
    »Das macht nichts, sie hat schon viel Schlimmeres ausgehalten.«
    Rose nickte. »Wenn du mir deine Adresse gibst, schicke ich sie dir gleich zurück. Oder ich kann sie auch an die Basis senden.« Sie runzelte die Stirn. »Außer du bist gar nicht mehr dort.«
    »Einmal ein SEAL, immer ein SEAL.« Er brach ab und fühlte, wie ihm das Blut in die Ohren stieg. Er räusperte sich. »Ich fahre dich sowieso nach Hause, da kann ich die Jacke gleich wieder mitnehmen.«
    »Das musst …«
    Rock unterbrach sie. »Ich bringe dich nach Hause.« Damit nahm er ihren Arm, vielmehr den leeren Ärmel seiner Jacke, die ihr fast bis zu den Knien hing, und führte sie eilig zum Jeep. Sowie er bemerkte, dass sie ihm freiwillig folgte, ließ er sie los. Er öffnete die Tür. »Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, wenn ich zuerst einsteige.«
    »Warum sollten wir beide nasse Füße bekommen?«
    Einen Fuß bereits im Wagen, die Hände auf die Tür gestützt, blickte Rock sie zerknirscht an. »Es tut mir wirklich leid. Ich habe nicht aufgepasst.«
    »Wenn du mir versprichst, das nächste Mal einen großen Bogen um jede Pfütze zu machen, verzeihe ich dir.«
    Die Falten neben seinen Augen vertieften sich. »Jawohl, Ma’am.«
    Damit schwang er sich behände in den Jeep. Rose wartete, bis er auf der Fahrerseite saß, dann stieg sie ebenfalls ein und zog die Tür hinter sich zu. Unruhig rutschte sie auf dem Sitz hin und her, während sie versuchte, ihn mit ihrer nassen Kleidung so wenig wie möglich zu berühren.
    »Lehn dich ruhig zurück, die Polster haben schon ganz anderes überstanden.«
   
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